»Oper für alle« auf dem Max-Joseph-Platz vor der Münchner Staatsoper (c) Wilfried Hösl

Elysium und Feen-Reich

Die Premieren von Franz Schrekers »Die Gezeichneten« und Carl Maria von Webers Märchenoper »Oberon, König der Elfen« markieren die Eckpunkte der diesjährigen Münchner Opernfestspiele.

Franz Schrekers Die Gezeichneten wurde schon 1919, ein Jahr nach der Frankfurter Uraufführung, in München erstmals gespielt; dann freilich fast 100 Jahre nicht mehr. Nun hat Krzysztof Warlikowski das großartige Werk des seinerzeit neben Strauss meistgespielten Opernkomponisten inszeniert. Er führte schon Regie bei wenig später uraufgeführten Strauss’ Frau ohne Schatten zur 50. Wiederkehr der Wiedereröffnung des Nationaltheaters und bereits vor zehn Jahren bei Eugen Onegin; Ingo Metzmacher dirigiert erstmals an der Bayerischen Staatsoper. Die beiden Gegenspieler sind der schöne, stattliche, doch moralisch verkommene Tamare (Christopher Maltman) und der verkrüppelte, aber vermeintlich menschenfreundliche Alviano Salvago (John Daszak), der seinen Freunden eine Insel, das Elysium, schenkt, die sie jedoch für sexuelle Ausschweifungen unter Zwang missbrauchen. Catherine Naglestad ist Carlotta, die von beiden begehrte Frau. Schrekers Oper spielt im 16. Jahrhundert, variiert Motive aus dem fantastischen, erotisch-mörderischen Reisebericht Ardinghello aus dem 18. Jahrhundert, verweist dezidiert in seiner musikdramatischen Konzeption auf Wagners Parsifal, nimmt aber zugleich Bezug auf reale Ereignisse und Personen im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Kaum eine Oper spricht so direkt von einer Endzeit wie Die Gezeichneten. »In der Musik, in den degeneriertesten Chorälen dieses Werkes ist der Zusammenbruch Deutschlands, ja der Untergang unserer Kultur einem Kainszeichen gleich deutlich erkennbar«, schreibt der Komponist. Bei Bühnenbildnerin Malgorzata Szcesniak ist das Elysium eine Art Museum der Gegenwartskunst »und in seinem künstlerischen Entwurf einer schöneren, besseren Welt wird sogar die Sonne zu einem zentralen Kunstobjekt, in dem Alviano seine Suche nach dem Absoluten ausdrückt«, so Miron Hakenbeck, der Dramaturg der Produktion. 

Carl Maria von Webers Oberon, uraufgeführt 1826 in Covent Garden in London auf Englisch, also knapp 100 Jahre vor den Gezeichneten, und am Nationaltheater 1829 erstmals gezeigt, wurde 1968 letztmals an der Bayerischen Staatsoper neu inszeniert. Die romantische Oper in drei Akten steht ganz in der Tradition des deutschen Singspiels, verbindet die Handlung von Shakespeares A Midsummer night’s dream mit der Mozart’schen Entführung, hinzu kommt eine Prise Zauberflöte (hier ein Zauberhorn) und der Seesturm aus The Tempest. Musikalisch knüpft Weber an Mendelssohn und Mozart an, schreitet aber kurz vor seinem Tod mit erst 39 Jahren schon weit in die expressiven und dramatischen Gefilde der Romantik voraus. Oberon (Julian Prégardien) hat sich im Streit mit Titania geschworen, ihre Trennung erst wieder aufzugeben, wenn sie ein treu sich ergebenes Paar gefunden haben. Das sind Hüon von Bordeaux (Brenden Gundell), der die Kalifentochter Rezia (Annette Dasch) rettet, und das »niedere« Paar Fatime und Scherasmin, die alle vier schließlich dank Oberon (und seinem Puck) Piraten, Sklaverei und den Gefährdungen eines Harems trotzen müssen. Kein Geringerer als Karl der Große verzeiht dem Feenkönig und segnet die Paare. Regisseur Nikolaus Habjan, der die fantastischen Welten des Oberon auch mithilfe von drei Puppenspielern/Sprechern erzählt, steht als Puppenspieler selbst auf der Bühne des Postpalastes an der Arnulfstraße in einem Programm der schrägen Osttiroler »Musikbanda« Franui. Musik von Schubert, Schumann und Mahler trifft auf Texte von Robert Walser unter dem Titel: Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus

Innerhalb der Festspiel-Werkstatt ist am gleichen Ort, der von der Staatsoper damit erstmals überhaupt bespielt wird, die Kinderoper Kannst Du pfeifen, Johanna von Gordon Kampe zu sehen, eine ungewöhnliche Annäherung an das Thema Alter und Sterben: Ulf und Berra sind beste Kumpel, doch weil Letzterer es ungerecht findet, dass er keinen Opa hat, suchen und finden sie Nils. Der alte Mann und die beiden Jungs werden Freunde. 

Anthony Turnages Oper Greek wurde 1988 bei der ersten Münchner Biennale für neues Musiktheater uraufgeführt und zwei Jahre später mit denselben Sängern verfilmt. Zur Handlung: Eddy lebt im armen Londoner East End der 1980er-Jahre. Vom arbeitslosen Vater erfährt er, dass ein Wahrsager prophezeit hat, der Sohn werde ihn töten und mit seiner Mutter schlafen. Das ist für Eddy willkommener Anlass, der Familie zu entfliehen. Nun läuft das Geschehen ähnlich ab wie in der über 2000 Jahre alten sophokleischen Tragödie. Doch in 80 konzentrierten, stilistisch vielfältigen Minuten wird ein junger Mann von heute gezeigt, der sich am Ende nicht die Augen aussticht, sondern die Vergangenheit hinter sich lässt und ein neues Leben beginnt. 

Liederabende

Passend zu diesem Stoff widmet Thomas Hampson den ersten Teil seines Liederabends der Schubertschen Antiken-Rezeption und singt im zweiten Teil Gustav Mahlers Lieder Aus des Knaben Wunderhorn; Diana Damrau kombiniert mit Helmut Deutsch am Flügel Schubert mit Strauss und Rachmaninow; Anja Harteros ist mit Berg, Schumann, Fauré und Strauss zu hören; Christian Gerhaher mit der Schönen Magelone. Pavol Breslik, der nach Mozart-Arien und Die Schöne Müllerin gerade eine CD mit Liedern Antonín Dvoráks veröffentlicht hat, widmet dem Böhmen ein Viertel seines Recitals. Mit seinem slowakischen Landsmann Mikuláš Schneider-Trnavský (1881–1958) bestreitet er ebenfalls einen großen Block, Beethoven und Strauss ergänzen das Programm an der Seite seines langjährigen Pianisten Amir Katz. Last, but not least überschreiten Simon Keenlyside & Band die Grenzen des klassischen Gesangs. Gemeinsam mit einem herausragenden britischen Jazzquintett präsentiert der Bariton im Prinzregententheater ein Programm mit Broadway-Songs von George Gershwin bis Irving Berlin. Und er geht mit Liedern von Emmerich Kálmán und Kurt Weill den europäischen Ursprüngen des Musicals auf den Grund. 

Konzerte

Schlagzeuger (OPERcussion) und Blechbläser (OperaBrass) des Staatsorchesters ehren das Andenken des vor einem Jahr mit 54 Jahren gestorbenen Peter Sadlo in einem Konzert zusammen mit ARD-Musikwettbewerbs-Preisträger Simone Rubino. In sechs Kammerkonzerten stehen neben zahlreichen weiteren Werken zentrale Klaviertrios und berühmte Quintette von Mozart, Schubert oder Dvorák auf dem Programm. Carl Maria von Weber und seinem befreundeten Münchner Klarinettisten und Komponisten Heinrich Baermann – einst Mitglied des Hoforchesters – ist ein Abend mit Markus Schön vom Staatsorchester und Christoph Hammer am Fortepiano gewidmet. Kirill Petrenko dirigiert die Orchesterakademie des Staatsorchesters unter anderem mit einer Uraufführung von Hans Abrahamsen; Alan Bergius leitet ATTACCA, das Jugendorchester des Bayerischen Staatsorchesters mit Mendelssohns Reformationssymphonie

»Oper für alle«

Die szenisch umstrittene, höchst eigenwillige Neuproduktion des Tannhäuser wird am 9. Juli live übertragen auf den Max-Joseph-Platz bei »Oper für alle«, kann ab 21.45 Uhr im Internet auf STAATSOPER.TV gestreamt oder am Fernsehschirm via Arte erlebt werden. Anja Harteros, Christian Gerhaher, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld sorgen unter Leitung von Kirill Petrenko sicher wieder für ein Sängerfest. Außerdem werden im kostenlosen Livestream (staatsoper.de/tv) die Premiere von Die Gezeichneten (1. Juli) sowie Oberon (30. Juli) übertragen. 

 

Klaus Kalchschmid

 

Die Festspielpremieren:

Die Gezeichneten.

Premiere am 1. Juli, 19 Uhr, Nationaltheater. Weitere Vorstellungen am  4., 7. und 11. Juli, 19 Uhr.

Oberon, König der Elfen.

 

Premiere am 21. Juli, 19 Uhr, Prinzregententheater. Weitere Vorstellungen am  24., 27. Juli, 19 Uhr, und 30. Juli, 18 Uhr.

Spielplan und Karten: staatsoper.de

 

Alle Termine der -Münchner Opernfestspiele finden Sie in unserem iPunkt-Monatsprogramm.

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